Der Einfluss heroingestützter Therapie auf die Delinquenz Drogenabhängiger
12/2001 - 12/2006
Dr. Rebecca Löbmann
Christian Wöller
Bundesministerium für Gesundheit und beteiligte Städte/Bundesländer
Im Rahmen des bundesdeutschen Modellprojekts zur Heroinvergabe an Schwerstabhängige untersucht das Kriminologische Forschungsinstitut, ob die Beschaffungskriminalität derjenigen Studienteilnehmer, die Heroin als Medikament erhalten, stärker zurückgeht als in einer Kontrollgruppe von Methadonsubstituierten. Hierzu werden selbstberichtete Daten zur Delinquenz sowie polizeiliche Tatverdächtigendaten herangezogen.
Im März 2002 hat das bundesdeutsche Modellprojekt zur Heroinvergabe begonnen. Dieses Projekt sieht vor, dass im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie Schwerstabhängige versuchsweise injizierbares Heroin als Medikament bekommen. Eine Kontrollgruppe erhält parallel die Ersatzdroge Methadon. Beide Gruppen werden regelmäßig medizinisch betreut und erhalten eine psychosoziale Begleittherapie. Die Behandlungsdauer beträgt ein Jahr. Anschließend besteht für die Heroingruppe die Möglichkeit, die Behandlung noch ein weiteres Jahr vorzusetzen. Zielgruppe der Untersuchung sind Drogenabhängige, bei denen in der Vergangenheit keine Therapien erfolgreich waren und/oder bei denen die bisherige Methadonbehandlung nicht befriedigend verläuft. Das Modellprojekt wird von einer gemeinsamen Initiative des Bundesministeriums für Gesundheit, der Länder Hamburg, Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen sowie der Städte Bonn, Frankfurt, Hannover, Karlsruhe, Köln und München getragen und durch die Bundesärztekammer begleitet. Die wissenschaftliche Leitung hat hat Dr. Christian Haasen vom Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg (ZIS). Zur Beantwortung dieser Fragen werden zwei Methoden eingesetzt: Erstens findet mit der sogenannten standardisierten Dunkelfeldanalyse eine persönlich-mündliche Befragung der Studienteilnehmer/-innen statt. Die Fragen sind in ein umfassendes Untersuchungsinstrument integriert und thematisieren die Häufigkeit, mit der verschiedenste Delikte in den letzten 12 Monaten begangen wurden, die Häufigkeit von Viktimisierungserlebnissen sowie Erfahrungen mit Polizei und Justiz. Darüber hinaus werden zahlreiche Personenmerkmale erhoben (z.B. Kennwerte der sozialen Integration, Fähigkeit zur Selbstkontrolle der Teilnehmer/-innen), die bei der Auswertung eine Differenzierung nach unterschiedlichen Subgruppen gestatten werden. Die Dunkelfelderhebung findet zu Beginn der Behandlung, nach 12 Monaten und nach 24 Monaten statt.
Die primären Zielkriterien der Studie sind die Reduktion des illegalen Drogenkonsums, die Verbesserung des gesundheitlichen Zustands und die Verbesserung der psychischen Symptomatik. Von großer gesellschaftlicher Relevanz dürfte darüber hinaus eines der sekundären Zielkriterien sein: der Rückgang der Kriminalität der Teilnehmer/innen. Mit der Entwicklung der Kriminalität der Studienteilnehmer/-innen befassen sich das Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) und der Lehrstuhl für Kriminologie der Universität Gießen in drei aufeinander abgestimmten Teilstudien. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen verfolgt dabei drei Hauptfragestellungen:
Zum zweiten werden in der sogenannten Hellfeldanalyse in Zusammenarbeit mit den Landeskriminalämtern der beteiligten Länder und unter Beachtung datenschutzrechtlicher Bestimmungen polizeiliche Tatverdächtigenregister ausgewertet. Ziel dieser Auswertung ist es, für die relevanten Zeiträume (12 Monate vor der Behandlung, 1. bis 12. Monat und 13. bis 24. Monat der Behandlung) festzustellen, wie oft ein bestimmter Studienteilnehmer mit welchen Delikten von der Polizei registriert wurde. Um die Kriminaltätsbelastung der Probanden auch im Vergleich zur Kriminalitätsentwicklung generell darstellen zu können and andererseits ein Maß für polizeiliche Aktivitäten in den Studienorten zu haben, ist weiterhin geplant, sowohl für die Studienorte als auch für jeweils eine weitere Stadt in dem betreffenden Bundesland eine allgemeine Analyse der Polizeilichen Kriminalstatistik vorzunehmen.
Bei der Auswertung der Daten sollen die Entwicklungstrends in beiden Datenquellen verglichen werden. Nur wenn sich gleiche Trends zeigen, ist eine zuverlässige Interpretation möglich. Würde sich beispielsweise in den selbstberichteten Daten eine Abnahme der Kriminalität zeigen, nicht aber in den Tatverdächtigenziffern, so könnten als Alternativerklärungen beispielsweise eine zunehmende Verschweigungstendenz der Studienteilnehmer/-innen oder eine intensivere polizeiliche Kontrollaktivität in Frage kommen.
Seitens des Lehrstuhls für Kriminologie an der Universität Gießen wird eine qualitative Studie durchgeführt, in der eine ausgewählte Anzahl von etwa 100 der heroinsubstituierten Studienteilnehmern in Intensivinterviews zu zwei Zeitpunkten befragt wird. Diese Daten gewähren vor allem einen Einblick in die biographische Entwicklung der Delinquenz und ermöglichen außerdem den Vergleich mit den Angaben der Teilnehmer/-innen in der standardisierten Dunkelfeldbefragung. Die Verbindung von Hellfeldanalyse, standardisierter Dunkelfeldanalyse sowie qualitativen Interviews stellt eine grundsätzliche methodische Verbesserung gegenüber früheren Studien dar.
Projektergebnisse
Eine Kurzfassung der Studienergebnisse kann über die Projekthomepage eingesehen werden oder als PDF-Datei heruntergeladen werden:
Kurzübersicht der Projektergebnisse









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