Anti-Aggressivitätstraining und Legalbewährung
1999-2000
PD Dr. Thomas Ohlemacher
Dennis Sögding
Eigenmittel
Im Rahmen dieses Projektes erfolgt eine Wirkungs-Evaluation des Anti-Aggressivitätstrainings (AAT), das seit über 10 Jahren in der JA Hameln stattfindet. Kern der Analyse ist die vergleichende Analyse der Legalbewährung der bislang Trainierten und der Legalbewährung einer Kontrollgruppe nicht-trainierter Inhaftierter.
Das Projekt geht auf eine Initiative des Niedersächsischen Ministeriums der Justiz und für Europaangelegenheiten zurück. Von Seiten des Ministeriums wurde der Wunsch an das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen als unabhängiges Forschungsinstitut herangetragen, eine Evaluation des sogenannten "Antagonistentrainings" (Anti-Aggressivitätstraining, AAT) der Jugendanstalt Hameln durchzuführen. Dieses Training wird in der JA Hameln seit nunmehr über zehn Jahren mit der Absicht durchgeführt, die Gewaltneigung männlicher Inhaftierter durch eine Sensibilisierung für die Ursachen und Folgen des eigenen Gewalthandelns deutlich zu verringern. Erklärtes Ziel dieses aufwendigen Anti-Aggressivitäts-Trainings ist es, den Rückfall der in die Maßnahme einbezogenen Inhaftierten insbesondere hinsichtlich der Gewaltdelikte zu reduzieren. Eine unabhängige Evaluation des tatsächlichen Effekts dieser Maßnahme mit Blick auf den Rückfall der beteiligten Inhaftierten ist jedoch bislang noch nicht erfolgt, obgleich der Mit-Initiator des Programms, Jens Weidner, dies immer wieder als überaus wünschenswert, ja notwendig bezeichnet hat. Das Ministerium geht in seiner Anfrage vom Juli des Jahres 1999 in Übereinstimmung mit der Leitung der JA Hameln davon aus, daß eine Evaluation in Form einer Rückfalluntersuchung "einerseits eine solide, objektive Basis für Entscheidungen für die Weiterführung und Ausweitung des Antagonistentrainings innerhalb des niedersächsischen Justizvollzugs liefern und andererseits interessierte Justizverwaltungen anderer Länder über die Wirksamkeit dieser Maßnahme unterrichten" könne.
Das geplante Projekt sah im ersten Schritt vor, zu den ca. 100 Jugendlichen, die bislang das Training durchlaufen haben, die Rückfalldaten per BZR-Auskünfte umfassend zu analysieren. Auf Basis der erbetenen Auskünfte aus dem Bundeszentralregister (einschl. des Erziehungsregisters) wurden dann Rückfallraten, -geschwindigkeit, -intensität und -häufigkeit ermittelt. In einem zweiten Schritt wurde eine Kontrollgruppe bestehend aus ehemaligen Gefangenen der JA Hameln zusammengestellt, die nicht an dem AAT-Training teilgenommen haben. Die Kontrollgruppe ermöglichte durch eine weitgehende Parallelführung der Deliktschwere, der Vorstrafenbelastung, der sozialstrukturellen Merkmale und der Inhaftierungsdaten mögliche Effekte dieser Variablen zu kontrollieren.
Vergleicht man die jeweiligen Rückfallraten, -häufigkeiten und -geschwindigkeiten von AAT-Trainierten und AAT-Untrainierten, so erweisen sich diese als nahezu identisch. Lediglich die Rückfallintensität ist bei den AAT-Trainierten geringer. Diese Differenz befindet sich jedoch immer noch unterhalb der Grenze zur statistischen Signifikanz. Insbesondere die aufgefundene Differenz in der Intensität des Rückfalls bedarf somit weiterer Evaluationsstudien, die auf einer größeren Zahl von Trainierten und Untrainierten beruhen. In den übrigen Facetten des Rückfalls (Rate, Häufigkeit und Geschwindigkeit) lassen sich jedoch keinerlei Unterschiede zwischen den AAT-Trainierten und AAT-Untrainierten feststellen. Die positiven Effekte des AAT liegen somit nicht über dem Durchschnitt anderer Maßnahmen in Hameln. Die identische Gewaltrückfallrate (ca. ein Drittel der inhaftierten Gewalttäter) könnte somit auch auf einen allgemein wirksamen "Hameln-Effekt" (eben den einer Anstalt mit relativ vielen Angeboten zur Therapie und Resozialisierung Inhaftierter) zurückzuführen sein - und damit nicht "gegen" das AAT, sondern primär "für" Hameln sprechen.
Eine Evaluation des AAT-Nachfolge-Programms in der JA Hameln, des sogenannten LoGo-Trainings ("Leben ohne Gewalt organisieren"), ist geplant.
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Vorliegende Veröffentlichung
Ohlemacher, Th., Dennis Sögding, Theresia Höynck, Nicole Ethé und Götz Welte (2001), Anti-Aggressivitätstraining und Legalbewährung: Versuch einer Evaluation. Forschungsberichte des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen Nr. 83. Hannover: KFN. (zudem veröffentlicht in: Mechthild Bereswill/ Werner Greve (Hg.) Forschungsthema Strafvollzug. Interdisziplinäre Beiträge zur kriminologischen Forschung, Bd. 21. Band Baden-Baden: Nomos, S. 345-386).
letzte Aktualisierung : 29. Okt. 2001









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